Kunstprojekt der Gustav-Heinemann Friedensgesellschaft zur Zerstörung Siegen 1944:
„... dann werden die Steine schreien“ – Die Entscheidung ist gefallen!
Die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft Siegen hat zur Erinnerung an den 16. Dezember 1944 einen Kunstwettbewerb ausgeschrieben. Angeregt wurde die Entstehung von Skulpturen unter dem Titel „... dann werden die Steine schreien.“ Der in überregionalen Zeitschriften sowie im Internet veröffentlichte Wettbewerb fand eine außerordentliche Resonanz. 61 Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland und darüber hinaus beteiligten sich mit interessanten und kreativen Entwürfen. Am Donnerstag, den 2. Dezember, hatte eine Jury, bestehend aus Frau Dr. Eva Schmidt, Leiterin des Museums für Gegenwartskunst, Frau Barbara Steffen, Künstlerin und Pädagogin, sowie aus dem Vorstand der Heinemanngesellschaft Herr Prof. Dr. Ingo Baldermann, Frau Silke van Doorn und Frau Dr. Astrid Greve die schwierige Aufgabe, aus der Vielzahl der Entwürfe einen für die Realisation in Siegen auszuwählen.
Drei völlig unterschiedliche Entwürfe waren schließlich die Favoriten:
Eine Installation unter dem Titel „Clouds“ von Frank Kornberger aus Berlin. In geradezu beklemmender Weise verbindet diese Installation den 60. Jahrestag der alliierten Luftangriffe auf die Stadt Siegen mit dem Gedenken an die Opfer der antisemitischen Vernichtungspolitik. In Anlehnung an die jüdische Trauersymbolik, in der Steine eine zentrale Rolle spielen, werden etwa 100 Steine mit den Namen der ermordeten Juden aus Siegen beschriftet. Diese Steine werden an dünnen Drahtseilen in etwa 5-7 m Höhe über einer belebten Passage der Siegener Innenstadt aufgehängt. Die Namen sind vom Boden aus lesbar. Eine bedrohliche Gefahr aus der Luft – die doch nichts anderes ist als das Produkt der eigenen Vergangenheit. Und des eigenen Nichtverhaltens. Der Titel „Clouds“ , Wolken, verbindet die bedrohlich über den Köpfen der Passanten schwebenden Steine mit den Rauchwolken über der zerstörten Stadt Siegen wie auch mit dem Rauch aus den Schornsteinen der Konzentrationslager.
Ganz anders, aber nicht weniger eindrücklich, ist der Entwurf von Barbara Greul Aschanta aus Frankfurt. Sie schlägt eine Spur der Erinnerung vor, die sich durch Siegen zieht. Von den Gräbern der Zwangsarbeiter, von noch bestehenden Industrieanlagen, dem Platz der ehemaligen Synagoge sowie von markanten, zerstörten Plätzen Siegens aus zieht sich eine Spur durch die Straßen der Stadt zu einem zentralen Platz. Die Spur ist ein gedrucktes Band mit der Information: 16.12.1944. Die Spuren verbinden sich im Zentrum miteinander und münden in einen großen Glaswürfel, in dem Erinnerungen, Fotos, Briefe, Gedanken, Gebete, Friedensvorstellungen Siegener Bürgerinnen und Bürger gesammelt und bewahrt werden können. So gelingt es auch ihr eindrücklich, die Trauer der Opfer des 16. Dezember in Siegen ernst zu nehmen und zugleich die Ursachen für die Bombardierung nicht zu vergessen.
Eine besondere Herausforderung für die Siegener Bürgerinnen und Bürger – und nicht zuletzt für die Siegener Zeitung! – ist der Vorschlag von Tobias Kraft aus Karlsruhe, der eine ganze Stadt zum erinnernden Kunstwerk macht. Sein ungewöhnlicher, aber in jedem Falle öffentlichkeitswirksamer Vorschlag: Am 16. wird die reguläre Ausgabe der Siegener Zeitung in großen Passagen (fast vollständig) geschwärzt – und zwar ohne vorherige Ankündigung als Kunstprojekt – ein Ausnahmezustand. Der Zeitung beigefügt ist die Aufforderung an die Bevölkerung, einzelne Seiten als Zeichen der erinnernden Anteilnahme in die Fenster der Wohnungen und Schaufenster der Geschäfte zu hängen – „Plakate“ ohne direkte Information, aber mit Verweis auf die Lebenden hinter den Fassaden. Abends und nachts besteht die Aufforderung, hinter diesen Plakaten Licht zu installieren – Gesten der Verdunklung, Gesten des Zeigens.
Eine weitere Ausgabe der Siegener Zeitung einige Tage später ist vollständig „weiß“, einzig einige wenige Sätze enthaltend. Darin sind alle Bügerinnen und Bürger aufgerufen, sich im Stillen eine im zweiten Weltkrieg um ihr Leben gekommene – gebrachte - Person zu vergegenwärtigen, gleich, ob „Opfer“ oder „Täter“, Soldat oder Zivilist. Eine sehr persönliche, nicht an öffentliche Gedenkveranstaltungen abgegebene Form des Erinnerns, des Trauerns. Tobias Kraft verbindet dieses Zeitungsprojekt mit einer weiteren Aktion: An verschiedenen Orten der Stadt, etwa in leerstehenden Geschäften der Oberstadt, im Bahnhof, an Fabrikfassaden, Krankenhäusern wird ein Video gezeigt. Es zeigt den Brustbereich einer Person, ein geschlossenes Hemd, von Atem leicht bewegt. Nach einiger Zeit greifen Hände in die Hemdseiten und ziehen diese wie einen Vorhang leicht auseinander. Zum Vorschein kommt ein von Kriegshandlungen verheertes Gebäude. Nach wenigen Augenblicken lassen die Hände ab und der Brustvorhang schließt sich wieder. Eine eindrückliche Visualisierung von Erinnerung in unserer Brust, von uns innewohnender Zerstörung, von Gesten des Zeigens und Verbergens.
„... dann werden die Steine schreien“ – Die Entscheidung ist gefallen!
Die Gustav-Heinemann-Friedensgesellschaft Siegen hat zur Erinnerung an den 16. Dezember 1944 einen Kunstwettbewerb ausgeschrieben. Angeregt wurde die Entstehung von Skulpturen unter dem Titel „... dann werden die Steine schreien.“ Der in überregionalen Zeitschriften sowie im Internet veröffentlichte Wettbewerb fand eine außerordentliche Resonanz. 61 Künstlerinnen und Künstler aus ganz Deutschland und darüber hinaus beteiligten sich mit interessanten und kreativen Entwürfen. Am Donnerstag, den 2. Dezember, hatte eine Jury, bestehend aus Frau Dr. Eva Schmidt, Leiterin des Museums für Gegenwartskunst, Frau Barbara Steffen, Künstlerin und Pädagogin, sowie aus dem Vorstand der Heinemanngesellschaft Herr Prof. Dr. Ingo Baldermann, Frau Silke van Doorn und Frau Dr. Astrid Greve die schwierige Aufgabe, aus der Vielzahl der Entwürfe einen für die Realisation in Siegen auszuwählen.
Drei völlig unterschiedliche Entwürfe waren schließlich die Favoriten:
Eine Installation unter dem Titel „Clouds“ von Frank Kornberger aus Berlin. In geradezu beklemmender Weise verbindet diese Installation den 60. Jahrestag der alliierten Luftangriffe auf die Stadt Siegen mit dem Gedenken an die Opfer der antisemitischen Vernichtungspolitik. In Anlehnung an die jüdische Trauersymbolik, in der Steine eine zentrale Rolle spielen, werden etwa 100 Steine mit den Namen der ermordeten Juden aus Siegen beschriftet. Diese Steine werden an dünnen Drahtseilen in etwa 5-7 m Höhe über einer belebten Passage der Siegener Innenstadt aufgehängt. Die Namen sind vom Boden aus lesbar. Eine bedrohliche Gefahr aus der Luft – die doch nichts anderes ist als das Produkt der eigenen Vergangenheit. Und des eigenen Nichtverhaltens. Der Titel „Clouds“ , Wolken, verbindet die bedrohlich über den Köpfen der Passanten schwebenden Steine mit den Rauchwolken über der zerstörten Stadt Siegen wie auch mit dem Rauch aus den Schornsteinen der Konzentrationslager.
Ganz anders, aber nicht weniger eindrücklich, ist der Entwurf von Barbara Greul Aschanta aus Frankfurt. Sie schlägt eine Spur der Erinnerung vor, die sich durch Siegen zieht. Von den Gräbern der Zwangsarbeiter, von noch bestehenden Industrieanlagen, dem Platz der ehemaligen Synagoge sowie von markanten, zerstörten Plätzen Siegens aus zieht sich eine Spur durch die Straßen der Stadt zu einem zentralen Platz. Die Spur ist ein gedrucktes Band mit der Information: 16.12.1944. Die Spuren verbinden sich im Zentrum miteinander und münden in einen großen Glaswürfel, in dem Erinnerungen, Fotos, Briefe, Gedanken, Gebete, Friedensvorstellungen Siegener Bürgerinnen und Bürger gesammelt und bewahrt werden können. So gelingt es auch ihr eindrücklich, die Trauer der Opfer des 16. Dezember in Siegen ernst zu nehmen und zugleich die Ursachen für die Bombardierung nicht zu vergessen.
Eine besondere Herausforderung für die Siegener Bürgerinnen und Bürger – und nicht zuletzt für die Siegener Zeitung! – ist der Vorschlag von Tobias Kraft aus Karlsruhe, der eine ganze Stadt zum erinnernden Kunstwerk macht. Sein ungewöhnlicher, aber in jedem Falle öffentlichkeitswirksamer Vorschlag: Am 16. wird die reguläre Ausgabe der Siegener Zeitung in großen Passagen (fast vollständig) geschwärzt – und zwar ohne vorherige Ankündigung als Kunstprojekt – ein Ausnahmezustand. Der Zeitung beigefügt ist die Aufforderung an die Bevölkerung, einzelne Seiten als Zeichen der erinnernden Anteilnahme in die Fenster der Wohnungen und Schaufenster der Geschäfte zu hängen – „Plakate“ ohne direkte Information, aber mit Verweis auf die Lebenden hinter den Fassaden. Abends und nachts besteht die Aufforderung, hinter diesen Plakaten Licht zu installieren – Gesten der Verdunklung, Gesten des Zeigens.
Eine weitere Ausgabe der Siegener Zeitung einige Tage später ist vollständig „weiß“, einzig einige wenige Sätze enthaltend. Darin sind alle Bügerinnen und Bürger aufgerufen, sich im Stillen eine im zweiten Weltkrieg um ihr Leben gekommene – gebrachte - Person zu vergegenwärtigen, gleich, ob „Opfer“ oder „Täter“, Soldat oder Zivilist. Eine sehr persönliche, nicht an öffentliche Gedenkveranstaltungen abgegebene Form des Erinnerns, des Trauerns. Tobias Kraft verbindet dieses Zeitungsprojekt mit einer weiteren Aktion: An verschiedenen Orten der Stadt, etwa in leerstehenden Geschäften der Oberstadt, im Bahnhof, an Fabrikfassaden, Krankenhäusern wird ein Video gezeigt. Es zeigt den Brustbereich einer Person, ein geschlossenes Hemd, von Atem leicht bewegt. Nach einiger Zeit greifen Hände in die Hemdseiten und ziehen diese wie einen Vorhang leicht auseinander. Zum Vorschein kommt ein von Kriegshandlungen verheertes Gebäude. Nach wenigen Augenblicken lassen die Hände ab und der Brustvorhang schließt sich wieder. Eine eindrückliche Visualisierung von Erinnerung in unserer Brust, von uns innewohnender Zerstörung, von Gesten des Zeigens und Verbergens.
pikkus - am Montag, 13. Dezember 2004, 07:45 - Rubrik: Die Gewinner stehen fest